Julia Franck im Gespräch mit Silvia Bovenschen

Silvia Bovenschen im Gespräch mit Julia Franck über ihren Roman
›Die Mittagsfrau‹
Silvia Bovenschen: Im Epizentrum Deines Romans »Die Mittagsfrau« steht ein ungeheuerlicher Vorgang: die Entscheidung der Protagonistin, ihren siebenjährigen Sohn zu verlassen, ihn auszusetzen. Durch einen Wechsel der Perspektive von Mutter zu Sohn gelingt es Dir, die Beweggründe und die Empfindungen beider glaubhaft zu machen. Nichts wird verurteilt, nichts beschönigt. Was fasziniert Dich an diesem Motiv der Aussetzung?
Julia Franck: Überall verlassen Menschen ihre Nächsten, und doch findet der Binsenkorb ja schon in der Bibel Aufnahme ­ wohl, weil das vorsätzliche Verstoßen eines Kindes etwas ist, was wir nicht so schnell begreifen können und wollen. Als junges Mädchen fragt die Protagonistin meines Romans, Helene, ihre Mutter eher empört als verzweifelt, warum sie sie überhaupt geboren habe. Eine schlimme Frage, zu einer Zeit, wo Frauen kaum eine Entscheidung darüber vergönnt war. Aber dass ein Kind zu gegebener Zeit seine Eltern verlässt, ist nicht ungewöhnlich. Was mich an dieser Aussetzung nicht in Ruhe ließ, war die Frage, wie Helene es geschafft hat, ihr Kind durchzubringen, durch den Krieg, aus der Vertreibung, um es dann im Alter von sieben Jahren und wenige Monate nach Kriegsende auszusetzen. Hier wird die natürlichste Bindung zweier Menschen, die zwischen Mutter und Kind, vorsätzlich aufgekündigt. Zugunsten des Schweigens, aus Ohnmacht, aus der Erkenntnis heraus, dass es ihrem Kind überall anders besser gehen würde denn als unbedingter Zuhörer ihres Schweigens, als Betrachter ihres Erloschenseins, als abhängiger Zeuge?
Silvia Bovenschen: Was fasziniert oder erschreckt Dich an Deiner Protagonistin Helene? Du wählst ­ abgesehen von Prolog und Epilog ­ beinahe durchgehend ihre Perspektive, die Perspektive einer Frau, die emotional versiegt, zunehmend verstummt und sich aus der Welt zurückzieht, deren Perspektive also immer enger wird. Hätte der Epilog überhaupt noch aus Helenes Perspektive geschrieben werden können? Gibt es ein identifikatorisches Moment?
Julia Franck: Mit Prolog und Epilog verteidige ich als Erzählerin vielleicht die Ehre des verlassenen Sohnes. Selbstverständlich konnte der Epilog nicht aus Helenes Perspektive geschrieben werden, wie ich überhaupt schon sehr früh feststellte, dass dieser Roman keine Ich-Erzählung werden kann, ­denn wo jemand in das Schweigen flieht, sich auf konsequenteste Weise aus einem Leben zieht, ohne es theatralisch mit einem klassischen Selbstmord zu beenden, wird das Ich aufgegeben. Diese Frau hat sich ja gerade gegen das Erzählen, gegen das Sprechen, gegen das In-der-Welt-sein mit einem Ich entschieden. Niemals hätte ich ihre Perspektive bis zuletzt als einzige darstellen wollen.
Was mich an Helene fasziniert ist zum einen die Liebe, die sie zu ihrer Schwester Martha, deren Freundin Leontine, zu Carl und zur schönen Literatur empfindet. Gewiss ist sie etwas weniger romantisch veranlagt als ihre Erfinderin. Andererseits ist Helene wahnsinnig pragmatisch, wenn es darum geht, der letzten Handlung eine nächste folgen zu lassen, und selbst nach dem Verlust von Carl, der sie in gewisser Weise taub macht, innerlich vollkommen aus dem Gleichgewicht reißt, wird sie weder ohnmächtig noch rührselig. Sie ist klug und naiv zugleich. Ihre Unbeugsamkeit, die Härte, mit der sie ihr Leben entschieden hat ­ und dieser Härte muss eine schier abgründige Verletzung, ein Erlöschen, eine Vereisung vorausgegangen sein, die fasziniert mich. Wie jemand das Schweigen als Überlebensstrategie wählen kann und muss, das ist im Vergleich zum Erzählen, wie ich es tue, schier wahnsinnig ­ aber ganz offensichtlich häufig der Fall. Vereisen kann nur, was einst flüssig war, erlöschen nur, was gelodert hat, ein Kind verstoßen kann nur jemand, der es geboren hat, eine Identität verändern kann nur jemand, der eine festgelegte Identität benötigt, eine, die mit seiner ursprünglichen wenig gemein hat. Man könnte das auch Verleugnung nennen, aber damit würde ich schon stärker moralisch werten, als mir lieb ist.
Wenn ich ein Buch wie dieses schreibe, gibt es aber auch mit den anderen Charakteren eine starke Empathie. Auch der Leser, vermute ich, kann sich mit Helene immer wieder identifizieren, obwohl ich keineswegs ein Verständnis für sie erarbeite, kein verstehendes Verzeihen erwirken möchte. Eher geht es mir um die Erkenntnis, die Neugier, welcher Mensch sie war und was sie bewegt haben könnte.
Silvia Bovenschen: Ich möchte Dir nun eine Frage stellen, die ich eigentlich nicht mag, und die die meisten Autoren auch nicht mögen: nämlich die Frage nach den biographischen Anschüben für die Konzeption Deines neuen Romans. Hier aber scheint sie mir doch einmal ganz naheliegend. Du sagst es selbst: Einige der Figurenkonstellationen im Roman ähneln denen in Deiner eigenen Familie. Es ist ja selbstverständlich, dass diese jetzt schon historischen Figuren und Ereignisse in Deinem Roman über die rein privaten Bezüge hinauswachsen, wie aber gelingt es Dir, ihre dramaturgischen Möglichkeiten auszuschöpfen, oder ihre Aktualität zu entdecken, zu erfinden? Allgemeiner gefragt: Kannst Du etwas sagen zur Entstehungsgeschichte dieses Buches?
Julia Franck: Mein Vater ist sehr früh gestorben, er war damals 49 und ich 17. Er starb an einem Hirntumor, ­erst in seinen drei letzten Lebensjahren konnte ich ihn etwas näher kennenlernen; da meine Eltern nie zusammen gelebt haben, hatte ich ihn als Kind manchmal lange nicht gesehen, zwischen acht und vierzehn kein einziges Mal, davor nur alle paar Monate oder Jahre. Vielleicht war er so ein Junge wie Peter in meinem Buch. Was ich über ihn weiß, ist wenig. Er war Drehbuchautor und Fernsehregisseur. Nachdem er 1937 in Stettin geboren worden ist und sein eigener Vater die kleine Familie bereits während des Krieges verlassen hatte, setzte ihn seine Mutter im Sommer 1945 auf einem Bahnsteig westlich der Oder-Neiße-Grenze ab. Sie hat behauptet, sie käme gleich wieder und ist nie wieder gekommen. Diese Erfahrung hat meinen Vater geprägt. Er war ein kluger und ängstlicher Mann, empfindsam und ironisch, er hat Frauen bewundert und zugleich ihre Nähe nicht ertragen können.
Je älter ich wurde und je länger mein Vater tot ist, insbesondere seit ich selbst zwei Kinder habe und die Innigkeit dieser Bande kennenlerne, desto dringender stelle ich mir die Frage, was eine Frau wenige Monate nach Kriegsende dazu gebracht haben könnte, vorsätzlich ihr Kind zu verstoßen. Mit der flüchtigen Erklärung meiner Mutter: Sie muss einfach eine kalte Frau gewesen sein, konnte ich mich nicht zufrieden geben. Ich meine, im Sommer 1945 hatten sie bestimmt die schlimmste Zeit hinter sich, Mutter und Sohn müssen sehr eng in Stettin zusammen gelebt haben. Über seine Mutter weiß ich noch weniger. Sie war gelernte Krankenschwester, ein sozialer Beruf, in mancherlei Hinsicht vielleicht ein Äquivalent zum Soldaten, ­ein Beruf an der Front des Todes, natürlich mit anderen Vorzeichen und aus anderer Motivation. Mein Vater hat seine Mutter nie wieder sehen wollen.
Erst als sie im Zuge einer Erbangelegenheit ausfindig gemacht werden musste, erfuhren wir, dass sie ihre zweite Lebenshälfte in einer Einzimmerwohnung mit ihrer älteren Schwester verbracht hat. Ohne Freunde, ohne weitere Familienangehörige. Was war das für eine Frau, für die das Schweigen und der unbedingte Rückzug aus einem geselligen Leben offenbar zur Notwendigkeit geworden ist? Das Schweigen als Überlebensstrategie, diese Maßnahme teilt sie mit vielen Frauen ihrer Generation. Kaum eine Frau dieser Generation hat darüber sprechen, geschweige denn schreiben können, was ihr Leben zwischen Emanzipation und zwei Weltkriegen in Deutschland ausgemacht haben könnte, zwischen Hoffnung, Scham und Schande.
Da meine Zwillingsschwester und ich die einzigen Überlebenden dieser väterlichen Familie sind, blieb mir nichts anderes übrig, als für meine Fragen und meine quälende Unruhe eine Geschichte zu finden, eine Geschichte, die mich nachvollziehen lässt, was für eine Frau jene Alice alias Helene gewesen ist. Helene hat eine neun Jahre ältere Schwester, mit der sie eine Art Notgemeinschaft bildet, der sie manchmal mehr Mutter ist als diese ihr. Ich habe vier Schwestern, jede von ihnen hat einen anderen Vater, außer meine Zwillingsschwester und ich, ­eine Notgemeinschaft waren wir auch, in vielerlei Hinsicht; sofort könnte ich sagen, dass es mich heute wohl nicht geben würde, wenn ich in der Kindheit nicht meine Zwillingsschwester gehabt hätte. Aber meine Zwillingsschwester ist natürlich nicht Martha, Helene bin nicht ich. Manche Details, insbesondere im mittleren Teil, wenn die beiden Schwestern nach Berlin kommen, lehne ich entfernt an meiner Familiengeschichte mütterlicherseits an, die ich sehr viel genauer kenne. Diese Familie ist auf der mütterlichen Linie jüdisch, stammt ursprünglich aus Breslau und Offenbach, und gehörte zur Jahrhundertwende zum intellektuellen Großbürgertum Berlins, Maler, Wissenschaftler, deren Kinder das Französische Gymnasium besuchten und mit ihren Eltern bei Tisch nur Französisch sprechen durften. Diese Familie brach in vielerlei Hinsicht durch den Zweiten Weltkrieg auseinander. Zu Beginn der Arbeit habe ich, meine Fragen und die zu erzählende Geschichte vor Augen, mehr als zwei Jahre gezielt zu dieser ersten Hälfte des Jahrhunderts gelesen, angefangen bei den Dokumentationen der Vertreibung, über die wunderbaren literarischen Glossen im »Querschnitt«, die Reportagen von Döblin und die Literatur dieser Zeit. Das wenigste davon ist vielleicht in meinen Roman eingeflossen, ­ aber diese Inspiration hat mich ermutigt, auch den Wurzeln und dem Wesen der Romantik nachzugehen.
In der Gegenwart beobachte ich ein neues Erwachen von Romantik nach dem Verwerfen aller ehekonstituierenden Strukturen, den 68ern und dem Hedonismus der Jahrtausendwende entstehen wieder romantische Sehnsüchte. Da, wo so vieles käuflich und für Männer wie Frauen frei erwerbbar scheint, Bildung und Sex, taucht wieder ein alter Wunsch nach Nähe, Vertrautheit und schließlich romantischer Begegnung auf.